Reaktionen zum Pogromdenkmal

Ein Denkmal soll bewegen, aber nichts verdrängen

KURIER (Tirolausgabe), 30.8.1996.

„Ein Monument kann nicht ungeschehen machen, darf nicht die Sicht verstellen. Es taugt allenfalls als Gradmesser dafür, wie unsere Zeit mit der schweren Hypothek aus der Geschichte umgeht, wobei nicht nur selektiv das traurige Schicksal von Juden, sondern ausdrücklich auch jenes von anderen Minderheiten und Personen des Widerstandes Erwähnung verdient. Das Symbol am Landhausplatz soll Ansporn sein, aus der Vergangenheit die richtigen Lehren zu ziehen und aktuellen Tendenzen gegen die Menschenwürde entgegenzutreten. Es zählt das couragierte Handeln, nicht alleine bloßes Gedenken, das einem letztlich wenig abverlangt. Daß hier Impulse aus unserer angeblich von Wertverlust geprägten Jugend kommen, ist bemerkenswert.” 

Das Pogromdenkmal in Linie mit dem Befreiungsdenkmal und dem Landhaus.

„Nichts gegen Denkmäler, aber wo ist der Anlaß, wo die Notwendigkeit…”

KRONENZEITUNG (Tirolausgabe), 4.5.1997.

Wenn die Inflation an Mahnmalen so weitergeht, wird man den Innsbrucker Eduard-Wallnöfer-Platz bald in ‚Denkmal-Platz umbenennen müssen. Am 8. Juni, das ist der Herz-Jesu-Sonntag, wird dort ein Mahnmal zur Erinnerung an die beim Novemberpogrom 1938 ums Leben gekommenen Juden feierlich eingeweiht werden. 59 Jahre nach den Schrecken dieser ‚Kristallnacht’. 500 Anhänger des mosaischen Glaubens werden erwartet. Nichts gegen Denkmäler, aber wo ist der Anlaß, wo die Notwendigkeit, was sind die wahren Gründe? Der Jugendlichenlandtag hatte diese Idee gehabt. Und weil offenbar andere Anregungen auf taube Ohren der Politiker gestoßen sind, dürfte man sich gedacht haben – dann bekommen sie halt das Juden-Denkmal. Als Erfolgserlebnis. Noch dazu, wo nach einem Wettbewerb der Vorschlag eines Schülers der HTL Fulpmes ausgewählt wurde. Ein Schulprojekt – das ist auch noch billig, mag man sich gedacht haben. Denkste! Die Kosten für den sechs Meter hohen siebenarmigen Leuchter belaufen sich auf fast eine Million Schilling.

Zusammengesetzt aus Materialkosten (rund 370.000 Schilling, die der HTL natürlich ersetzt werden müssen) und Fundamentarbeiten an der darunter liegenden Landhausgarage. Deren Decken-Statik verträgt nämlich ein solches 6-Tonnen-Monstrum nicht. Nichts gegen das Mahnmal. Aber, schüchterne Gegenfrage: Wo steht eigentlich in Innsbruck ein Denkmal für die Hunderten bei Bombenangriffen ums Leben gekommenen Bürger? Warum fehlt das Geld für den Wiedervereinigungsbrunnen?" 

Ein spätes „Shalom” der Jugend

Tiroler Tageszeitung, 9. Juni 1997, S. 5.

Vertreter aller politischen Parteien, hohe Geistliche und Mitglieder der Universität waren der Einladung zur Weihe des Mahnmals zur Erinnerung an den Novemberpogrom gefolgt. 

Innsbruck: Wie weiht ein Rabbiner ein solches Monument, fragte sich Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, denn „ich kann nicht s einweihen, in dem nicht schon Weihe steckt”. Mit zwei kurzen Gebeten in hebräischer und deutscher Sprache, das eine zum Gedenken an die Opfer, das andere als Ausdruck der Freude über den heutigen Tag, weihte er das vom HTL-Schüler Mario Jörg gestaltete Mahnmal für die Innsbrucker Opfer der Kristallnacht. Der siebenarmige Leuchter – die Menora - symbolisierte das Licht des Verständnisses, sieben verschiedene Arme bilden eine Einheit, in deren Bogen vereinen sich Menschen verschiedener Herkunft, Nationalität und Religion.

Die jugendlichen Mitglieder der Projektgruppe, auf deren Initiative die Denkmalerrichtung zurückgeht, verschränkten in einem szenischen Spiel ihre eigene Geschichte der Denkmalerrichtung mit dem Bericht des NS-Sicherheitsdienstes über die Ereignisse vom 9. auf den 10. November 1938.

Unter den Zuhörern waren einige, die sich daran noch erinnerten. Das Land Tirol hatte die wenigen Überlebenden samt ihren Angehörigen aus England und Israel zur Denkmalweihe eingeladen.

Von der Vergangenheit war oft die Rede am gestrigen Nachmittag. Von der Verpflichtung zur Konfrontation mit ihr, um Brücken für eine Verständigung zu bauen, sprach LR Elisabeth Zanon. An das jahrzehntelange Schweigen, das den Mördern nützlich, den Opfern eine Überlebenshilfe gewesen sei, erinnerte Esther Fritsch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg. Der seltenen Beispiele von Menschlichkeit gedachte der israelische Botschafter Yoel Sher, der kürzlich einen Baum zu Ehren der 100 Gerechten in Österreich gepflanzt hatte. Bischof Reinhold Stecher freute sich, hier „kein Veteranendenkmal” vorzufinden, sondern „eine Kompaßnadel für die Zukunft, in der man aufeinander zugeht”.

Alle Redner setzten ihre Hoffnung auf die Jugend. Sie möge neue Wege bahnen, die Verdrängung der Nachkriegsjahre aufbrechen, Brücken der Freundschaft und des Verständnisses schlagen.

Für die musikalische Umrahmung sorgte Oscar Klein, dessen Mutter aus einer jüdischen Innsbrucker Familie stammt, und der bekannte Geiger Boris Kuschnir mit dem ersten Satz von Werner Pirchners Komposition „Shalom”. 

Das Pogromdenkmal auf dem neu gestalteten Platz.

„Freude und Trauer zugleich” 

Mahnmal für Opfer der Reichskristallnacht eingeweiht/Oberrabbiner in Innsbruck dabei
Dolomiten, 9. Juni 1997, S. 16.

Innsbruck: An die Opfer der sogenannten Reichskristallnacht in Innsbruck wird in Zukunft ein Mahnmal auf dem Landhausplatz in der Tiroler Landeshauptstadt erinnern, das gestern Nachmittag im Rahmen eines Festaktes von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg eingeweiht wurde.

Die Gedenkstätte soll laut Inschrift darauf hinweisen, daß in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 „jüdische Mitbürger in Innsbruck ermordet wurden und ihnen viele Kinder, Frauen und Männer in den Tod folgen mußten”. Der Entwurf für das vom Landtag der Jugend initiierte Projekt stammt vom 18-jährigen HTL-Schüler Mario Jörg aus Fulpmes im Stubaital. Den Mittelpunkt der Skulptur bildet eine „Menora”, ein siebenarmiger Leuchter.

Oberrabbiner Eisenberg bezeichnete den Festakt als „eine Trauer- und Festversammlung”. Anstatt das Mahnmal im traditionellen Sinn „einzuweihen”, sprach er zwei kurze Gebete. In einem wurde den Opfern der Reichskristallnacht gedacht, das zweite sollte „die Freude des heutigen Tags zum Ausdruck bringen”.

Die Festansprache hielt der Innsbrucker Diözesanbischof Reinhold Stecher. Er war zusammen mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg, Esther Fritsch, auch in der Jury vertreten, die das Realisierungsprojekt für das Mahnmal aus rund 50 Einsendungen ausgewählt hatte. Zu dem Gestaltungswettbewerb „…um nicht zu vergessen!” waren alle höheren Schulen Tirols eingeladen worden.

Stecher bezeichnete in seiner Festansprache das Mahnmal als eine „Sonnenuhr, die ihre Schattenstriche auf das Gewissen der Menschen wirft”. Die Tatsache aber, daß das Projekt von Jugendlichen initiiert und entworfen worden sei, mache die Skulptur zu „einem Denkmal der Jugend”. Damit sei das Mahnmal auch „eine Kompaßnadel für die Zukunft” und „ ein Richtungspfeil für die Menschlichkeit”.

Zur Einweihungsfeier waren auch 40 aus Tirol vertriebene Juden eingeladen worden. Neben Tiroler Spitzenpolitikern war auch der israelische Botschafter Yoel Sher anwesend. Er würdigte die Rolle Stechers im Zusammenhang nit der 1938 zerstörten und 1993 wiederaufgebauten Synagoge in der Innsbrucker Sillgasse. Die Erinnerung sei „eine heilige Pflicht” gegenüber den Opfern des Holocaust.

Bei den Novemberpogromen war es 1938 auch in Innsbruck zu blutigen Ausschreitungen gekommen. Drei Menschen wurden ermordet, darunter der Leiter der Kultusgemeinde. Ein weiteres Opfer starb kurze Zeit später an den Folgen der Übergriffe. Ein fünfter Mann überlebte zwar, blieb aber aufgrund seiner Kopfverletzung geistig behindert. 18 weitere Juden wurden in der Reichskristallnacht ebenfalls verletzt. Zahlreiche jüdische Wohnungen und Geschäfte wurden geplündert und zerstört, die Synagoge in der Sillgasse verwüstet. 

Siebenarmiger Leuchter auf dem Landhausplatz

Tiroler Tageszeitung, 30. Mai 1997, S. 5.

Auf dem Landhausplatz wird am 8. Juni das Denkmal zur Erinnerung an die drei Ermordeten der Reichskristallnacht eingeweiht. TT-Mitarbeiterin Gretl Köfler sprach mit der Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Esther Fritsch.

Warum gab es in Innsbruck keine Kontroversen, während in Wien und Berlin die Mahnmaldiskussion hohe Wellen schlägt?

Fritsch: Die Entstehungsgeschichte des Denkmals ist eine andere. In Tirol kam die Initiative nicht von Politikern, Intellektuellen oder Künstlern, sondern von der Jugend. Es hat für mich einen starken symbolischen Charakter und erfüllt mich mit Hoffnung, daß eine unbelastete Generation sich dafür einsetzt. Auch hat sich LR Elisabeth Zanon als politisch Verantwortliche sehr für das Projekt engagiert und das Land trägt die Kosten. Dazu fällt das Denkmal von den Ausmaßen und von der Situierung her nicht so sehr ins Auge – small is beautiful - und in den Medien wurde darüber keine Kontroverse entfacht.

Sie verwenden den Begriff Denkmal, sonst wird überall von Mahnmälern gesprochen. Warum?

Fritsch: Ich mag diese pädagogische Position mit dem erhobenen Zeigefinger nicht. Die Welt ist voller Denkmäler zur Erinnerung an Ereignisse aus der Geschichte, auch voller Kriegsdenkmäler mit den Namen der Toten. Auch auf diesem Denkmal stehen die Namen der Ermordeten. Dazu kommt eine Tafel mit der Entstehungsgeschichte: Von wem die Initiative ausgegangen ist, wer es entworfen und gestaltet hat und aus welchen Motiven es errichtet wurde.

Wen soll das Denkmal mahnen?

Fritsch: Es ist nicht für die Opfer, obwohl sich deren Nachkommen und die überlebenden Vertriebenen darüber freuen. Es ist ein Denkmal für die Tiroler.

Welchen Symbolgehalt soll das Denkmal vermitteln?

Fritsch: Es stellt einen siebenarmigen Leuchter – eine Menora – vor, zum Unterschied vom Chanukkaleuchter, der acht Arme hat und ein liturgisches Gerät ist. Der siebenarmige Leuchter stand im Tempel von Jerusalem, der 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde. Heute ist er im israelischen Wappen. Schon seit der Zeit des Alten Testamentes ist er ein Symbol des Judentums. Er dokumentiert auf diesem Platz – auch für interessierte Gäste –, daß in Tirol Juden über Jahrhunderte gelebt haben und leben. Ein abstraktes Werk hätte eine solche Assoziation schwerlich ermöglicht.

Das Pogromdenkmal mit dem Befreiungsdenkmal im Hintergrund.

Mahnmal wider den Haß

Schüler-Initiative für Pogrom-Gedenken in Innsbruck
Der Standard, 7./8. Juni 1997, S. 2

Der von der HTL Fulpmes auf Kosten des Landes ausgeführte Entwurf stellt einen sieben Meter hohen Menoraleuchter dar. Im Unterschied zum Chanukkaleuchter als liturgischem Gerät sei die Menora ein Symbol für das gesamte Judentum, erläutert die Vorsteherin der Kultusgemeinde, Esther Fritsch. Der siebenarmige Leuchter stand im 70 nach Christus von den Römern zerstörten Tempel von Jerusalem und ist heute Bestandteil des israelischen Wappens. Auf dem Sockel des Denkmals stehen die Namen der vier Todesopfer. Glassplitter am Sockelboden stellen einen weiteren Bezug zur "Reichskristallnacht" her. (...) Im Unterschied zu anderen Städten blieb in Innsbruck eine Kontroverse um das Mahnmal aus. die Gründe dafür liegen vermutlich in seiner Entstehungsgeschichte, der schlichten Form und der einfachen, eindeutigen Smbolik. 

http://www.eduard-wallnoefer-platz.at/pogromdenkmal/reaktionen-zum-pogromdenkmal
Abgerufen am: 14.11.2018