Tanja Gschnell/Horst Schreiber

Das Pogromdenkmal

Die Initiative  

Am 17. November 1995 schlugen Jugendliche im „Landtag der Jugend” vor, ein Denkmal für die im November 1938 ermordeten Jüdinnen und Juden der Pogromnacht in der Altstadt von Innsbruck zu errichten. Die Mitglieder dieser Projektgruppe waren Herwig Ostermann, Walter Fuchs, Daniel Knabl, Mirjam Dauber und Sibylle Hammer. Schon im Dezember 1995 wurde dieser Antrag von Bürgermeister Herwig van Staa angenommen, der sich ein solches Denkmal auf dem Landhausplatz in Innsbruck vorstellen konnte. Landesrätin Dr. Elisabeth Zanon übernahm die Ausführung und schrieb ein Projekt unter dem Motto „…um nicht zu vergessen” aus.

Das Projekt sah vor, dass Tirols Höhere Schulen Vorschläge für ein derartiges Denkmal erarbeiten und innerhalb von wenigen Monaten einschicken sollten. Zwischen der Ausschreibung des Projekts und dem Einreichtermin lag kein halbes Jahr. Denkmäler, die an die Judenverfolgung und den Holocaust erinnern sollen, stellen in ästhetischer Hinsicht eine überaus große Herausfordung dar, die ansonsten weltweit von namhaften ArchitektInnen und KünstlerInnen in Angriff genommen werden und stets lang andauernde öffentliche Diskussionen hervorrufen.

Das Pogromdenkmal in Linie mit dem Befreiungsdenkmal und dem Landhaus.

Eine Fachjury bewertete im Sommer 1996 die 48 eingesendeten Arbeiten und entschied sich für die Idee des damals 19jährigen Schülers Mario Jörg, der die Höhere Technische Lehranstalt für Maschinenbau in Fulpmes besuchte.

Er erarbeitete den Plan für ein Denkmal, das aus einer siebenarmigen Menora bestand, auf dessen kupfernem Sockel Glasscherben mit den Namen der vier in der Pogromnacht bzw. in deren Gefolge im November 1938 in Innsbruck getöteten Juden montiert wurden. Die Glasscherben sollten laut Jörg die zerbrochenen Herzen der ermordeten Juden und ihrer Angehörigen symbolisieren.

Äußerlich präsentiert sich das Denkmal, das die vier Namen der ermordeten Innsbrucker Juden verewigt, als sieben Meter hoher Menoraleuchter, der im Unterschied zum Chanukkaleuchter (liturgisches Gerät) nur sieben statt acht Arme aufweist. Es wird überliefert, dass Moses auf dem Berg Sinai die zehn Gebote sowie den Auftrag erhielt, ein Stiftszelt zu errichten. Zu diesem gehörte auch ein Leuchter. Während der vierzigjährigen Wanderung trugen die IsraelitInnen das Stiftszelt und die Menora stets mit sich, bis diese schließlich im Ersten Tempel in Jerusalem integriert wurden. Im Jahre 70 n. Chr. wurde der Tempel von den Römern zerstört und die Menora geraubt. Seitdem gilt sie als verschollen. Bei der Staatsgründung Israels wurde die Menora als Symbol des Judentums in das israelische Wappen aufgenommen.

Eine Begleittafel vervollständigt das Denkmal:

„ … um nicht zu vergessen, dass in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, Reichskristallnacht-Novemberpogrom, jüdische Mitbürger in Innsbruck ermordet wurden und ihnen viele Kinder, Frauen und Männer in den Tod folgen mussten … um nicht zu vergessen, dass Vorurteile, Hass und Unbesonnenheit zu einer grausamen Spirale der Gewalt führen können … wurde dieses Mahnmal 1997 errichtet.”

Reaktionen

Von Historikern wurde besonders die Einengung der Erinnerung auf die vier Opfer des Novemberpogroms kritisiert, da zu diesem Zeitpunkt ein laufendes Forschungsprojekt an der Universität Innsbruck bereits über 160 jüdische NS-Opfer aus Tirol ermittelt hatte. Die Erstellung einer wissenschaftlichen Begleitbroschüre für die Schulen war von der Politik abgelehnt worden, die Israelitische Kultusgemeinde erst im Nachhinein in die Planung des Projektes miteinbezogen worden.

Die Kontroversen, die bei der Errichtung derartiger Denkmäler etwa in Wien und Berlin entstanden, blieben in Innsbruck völlig aus. „Der Standard” vermutete als Ursache den Umstand, dass die Initiative aus dem Engagement Jugendlicher erwachsen war, die versucht hatten, das Pogrom auf ihre Weise zu verarbeiten. Außerdem wurde die schlichte, aber trotzdem eindeutige Symbolik des Denkmals von der Öffentlichkeit gut aufgenommen. Negativ hervorzuheben ist ein Artikel des Chefredakteurs der „Kronen Zeitung”, der eine eindeutig antisemitische Stoßrichtung aufwies. Walther Prüller sah keine Notwendigkeit, ein derartig öffentliches Erinnerungszeichen zu setzen. Zum einen kritisierte er die Errichtungskosten für das, so seine Worte, „Erinnerungs-Monstrum”, zu dessen Einweihung „500 Anhänger des mosaischen Glaubens” erwartet würden. Zum anderen fragte er in der Tradition österreichischer Schuldabwehr aufrechnend: „Wo steht eigentlich in Innsbruck ein Denkmal für die Hunderten bei Bombenangriffen ums Leben gekommenen Bürger?” 

Das Pogromdenkmal aus der Vogelperspektive.

Die Einweihung

Am Sonntag, den 8. Juni 1997, wurde das Pogromdenkmal auf dem Landhausplatz in Innsbruck der Öffentlichkeit übergeben. Anstatt einer traditionellen Einweihung sprach der Oberrabbiner der Österreichischen Kultusgemeinde Paul Chaim Eisenberg zwei Gebete in hebräischer und in deutscher Sprache, in denen er der Opfer der Pogromnacht gedachte und seine Freude über die Einweihung zum Ausdruck brachte. Der Innsbrucker Diözesanbischof Reinhold Stecher verglich das Mahnmal mit einer Sonnenuhr, die ihre Schattenstriche auf das Gewissen der Menschen werfe. Yoel Sher, der israelische Botschafter, betonte die heilige Pflicht der Erinnerung gegenüber den Opfern des Holocausts.

Anwesend waren außerdem der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Österreichs, Paul Grosz, und diePräsidentin der Israelitschen Kultusgemeinde von Tirol-Vorarlberg, Esther Fritsch. Sie lobten die Begeisterungskraft, den Tatendrang und die Beharrlichkeit der Tiroler Jugend. Eine besondere Note erhielt die Feier dadurch, dass das Land Tirol jüdische Vertriebene und Holocaust-Überlebende samt ihrer Angehörigen eingeladen hatte. Der bekannte österreichische Jazzmusiker Oscar Klein, dessen Mutter aus einer jüdischen Innsbrucker Familie stammt, umrahmte die Feier musikalisch.

 

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Abgerufen am: 14.12.2018